Der dritte gute Grund für einen Markenessenz-Prozess

Es braucht Mut, um sich seinen Themen zu stellen. Aber man gewinnt auch Mut. Man lernt, die innere Stimme aus dem Wust von Stimmen im eigenen Kopf herauszuhören und ihr zu vertrauen. Das ist extrem ungewohnt und ungewöhnlich. Wir haben gelernt, uns an den Verstand zu halten und manchmal auf den Bauch zu hören. Richtet man aber sein Leben nach dem aus, was der Verstand sagt, dann wird es immer kleiner und enger. Denn der Verstand kann nur das Vergangene reflektieren und bewerten. Er leitet an, indem er das, was sich schlecht angefühlt hat, vermeidet, und das, was schön war, zu wiederholen versucht. Das erfordert auf der Schöne-Dinge-wiederholen-Seite eine zunehmende Intensität. Alles muss noch besser sein als das letzte Mal, weil sich die reine 1:1 Wiederholung von etwas Schönem wie ein fader Abklatsch anfühlt.

Auf der Vermeidungs-Seite wird das Leben immer komplizierter. Man hatte eine schwierige Beziehung – also meidet man das andere Geschlecht, oder zu große Nähe. Man hat sich weit aus dem Fenster gelehnt und ist bestraft worden – folglich wird sich jetzt nur noch im Rahmen des Üblichen geäußert. Man ist auf der Bergtour fast verreckt – also geht man jetzt lieber im Tal wandern.

Das Ergebnis ist ein Leben voller Regeln, Urteile und Umleitungen. Man läuft geduckt herum und schaut parallel immer auf den Zettel mit den zu vermeidenden Fehlern. Der Bewegungsraum wird täglich kleiner, aber die Energie, die Lust und die Neugier bleiben. Auf Dauer wird dieses Gemisch so explosiv wie das innere eines Motorkolbens.

Manche brauchen die Explosion, um sich aus der Komfortzone herauszutrauen. Manche müssen alles verlieren. Und bei manchen reicht der tägliche Dauerfrust aus, um irgendwann zu einem ganz großen Befreiungsschlag auszuholen.

Der Markenessenz-Prozess macht wieder Platz für den Menschen, der man ursprünglich mal war. Er öffnet den Blick und macht Mut, aus Fehlern zu lernen, sich aus seinem Ärger heraus weiterzuentwickeln und „nein“ zu sagen zu Angeboten, die sich nicht gut anfühlen. Und so langsam wird aus der kleinen Schachtel wieder ein weites Feld, mit Horizont, Möglichkeiten und außergewöhnlich glücklich machenden Erlebnissen. Erfolg ist nur eins davon. Ein anderes ist es, sich wieder lebendig zu fühlen und zu lenken, statt sich lenken zu lassen. Das macht mutig, großzügig und entspannt.

3 gute Gründe gegen den Markenessenz-Prozess

Wann ist dieser Prozess das Richtige? Wenn Sie unbedingt eine Veränderung wollen. Wenn Sie Ihr Ziel kennen, zumindest eine Vorstellung davon haben, wie es sich anfühlen, oder wie es aussehen soll.

Aber es gibt auch Indikationen gegen einen Markenessenz-Prozess:

1. Sie haben keine Vision. Ohne Richtung gibt es keine Identität. Ohne Vision macht der Prozess keinen Sinn, denn es fehlt eine wichtige Information: wo soll es hingehen? Ohne diese Information kann man sich nur verzetteln. Der erste Schritt ist jetzt erstmal die Visionsentwicklung.

2. Sie haben keinen echten Veränderungsdruck. Ohne das Gefühl „es muss sich jetzt etwas ändern“ oder auch „wir wollen das jetzt endlich richtig machen“ geht es nicht. Denn dann fehlt der Antrieb, und das Ganze wird im Sande verlaufen. Das beste in dieser Situation: genießen, was da ist. Und schauen, ob es sich lohnen würde, die eigenen Komfortzone zu verlassen.

3. Sie haben kein Problem. Lust auf was Neues, ja. Sind unausgelastet, vielleicht. Aber es geht Ihnen gut. In diesem Fall führt der Prozess eher zu Problemen als zu Lösungen. Denn der Markenessenz-Prozess erfüllt ein Bedürfnis nach Veränderung und Fokus. Aber er funktioniert nur dann, wenn man das wirklich möchte. Im schlimmsten Fall führt der halbherzige Wunsch sogar dazu, dass ein Problem entsteht. Einfach, weil es einen gewissen Leidensdruck braucht, damit man sich wirklich verändert. Also: wenn es eigentlich gut geht, dann braucht es auch keine Veränderung. Fragen Sie sich, woher Ihre innere Unruhe kommt. Vielleicht liegt die Unzufriedenheit ganz woanders als Sie denken. Vielleicht geht es einfach darum, eine lange überfällige Entscheidung zu treffen, oder etwas Altes loszulassen.

Der zweite gute Grund für einen Markenessenz-Prozess

Feedback. Das, was ich ziemlich häufig auf die Frage „Wie wirken Sie auf andere?“ höre, ist nämlich: „Keine Ahnung“.

Heute früh hat Konstantin Wecker im Radio einen ganz persönlichen Nachruf auf den Kabarettisten Dieter Hildebrandt gehalten. Und ich dachte mir, Mensch Dieter, das hättest du doch sicher gern auch zu Lebzeiten gewusst, oder?

Im Markenessenz-Prozess passiert genau das: man bekommt Feedback. Man beginnt, zu verstehen, wer man ist, und was das eigene Handeln und einfach Da-Sein bei anderen bewirkt. Wir können tatsächlich nur die Hälfte unseres Wesens selbst spüren (vorausgesetzt wir spüren uns überhaupt). Die andere Hälfte entsteht durch unsere Wirkung auf die Umwelt.

Wir können diesen Teil nur begreifen, wenn wir die Reaktionen der Umwelt auf uns beobachten und verstehen. Und dazu müssten wir in den meisten Fällen auch noch Hellseher sein – denn wer sagt uns denn wirklich Dinge wie „bei dir fühle ich mich immer klein und unsicher“ oder „ich hab den Eindruck, du verheimlichst etwas“. Oder auch: „Hätte nie gedacht, dass eine wie Sie im Supermarkt Bio-Joghurt UND Tiefkühlpizza kauft.“ Stattdessen verstecken wir uns alle hinter einer freundlichen und unaufwendigen Fassade, weil wir es eilig haben, Konflikte vermeiden wollen oder uns nicht noch unsicherer fühlen möchten. Das ist wahrscheinlich in den meisten Fällen auch eine gute Idee, schon damit es an der Supermarktkasse keine Schlägereien gibt.

Also, wie wär’s mit einem Vor-Ruf? Inhaltlich ein Nachruf, zeitlich aber etwas, das man bekommt, wenn man noch lebt?

Der erste gute Grund für einen Markenessenz-Prozess

IMG_4038Ich habe gerade zehn Tage in einem minimalistisch eingerichteten Design-Appartment verbracht und (wieder mal) festgestellt, wie wenige Dinge man eigentlich wirklich zum Leben braucht. Und obwohl ich gern aussortiere und andauernd umziehe, kam mir meine eigene Wohnung bei meiner Rückkehr wie eine Mischung aus Gerümpelbude, Museum und Kramladen vor. Sofort bin ich verwirrter, unruhiger und gestresster als in der ganzen Zeit davor.

Der Unterschied vom einen zum anderen: das Appartment hatte Fokus. Es war, was es war, und nichts anderes. Meine Wohnung ist dagegen tausend Sachen auf einmal, neue und alte, meine und fremde, eigene und geschenkte/geborgte/geerbte. Hier wohnen mindestens 5 Identitäten von mir und nochmal mindestens 2 meines Kindes (nämlich das Schulkind, das er ist, und das Kindergartenkind, das er vor 3 Monaten noch war). Ganz schön voll. Ganz schön beanspruchend.

Es erinnert mich daran, dass mein eigener Markenessenz-Prozess noch mitten in der Umsetzungsphase ist. Das, was ich bin, ist schon da. Aber das, was ich: mal war, auch gern wäre, immer gedacht habe, das ich es sei und für andere gerne sein wolte….ist auch noch da.

Der erste Grund für einen Markenessenz-Prozess ist eindeutig Fokus. Fokus bringt Ordnung, Ruhe und Platz. Designer sagen dazu „Weißraum“. Das ist der Platz, den Gedanken und alle SInne brauchen, um sich entfalten und ausdehnen zu können, statt mit viel zu vielen anderen Eindrücken zusammen in einem kleinen Zimmer zu wohnen. Das beruhigt, entspannt und macht Platz für neue Ideen. Es gibt die Möglichkeit, abzuschalten und zu regenerieren. Und es gibt Kraft, das Neue, das man erreichen möchte, wirklich anzugehen.

Verzettelung ist anstrengend und verwirrend. Sie kann eine Vision total zum Erliegen bringen, so dass alle Versuche, sie zu erreichen, im Sand verlaufen. Da war sie, die große Idee. Und irgendwie ist sie auch schon wieder verschwunden.

Fokus entscheidet sich bewusst für das, was die Vision trägt, und lässt alles andere gehen.

Um zu spüren, wie angenehm Fokussiertheit ist, empfehle ich mein Wiener Design-Appartment oder einen anderen Ort, der einfach nur eine Sache ist. Zum Beispiel ein Wald. Ein Planetarium (ohne Lichtshow, ohne Popcorn). Ein Kloster.

Und danach eine Runde Aussortieren in der eigenen Wohnung. Das mache ich jetzt sofort.

Willkommen zu Hause!

Der Markenessenz-Prozess (© Anka Suckow) macht es möglich, aus Kopf und Bauch, aus Verstand und Emotion, aus Worten und Taten eine praktische Anleitung für den Arbeitsalltag zu bauen, um die eigene Vision zu erreichen.

Ob man das Ergebnis des Prozesses – die Markenessenz – nun „Markenkern“, „das Warum“ oder „Urknall“ nennt, ist vollkommen egal. Was zählt, ist, dass es alles enthält, was man zur Erreichung seines aktuellen Ziels braucht.

Das ist keine Zauberei, denn es erfordert echten Einsatz und die Disziplin, seinen Fokus durch alle Stürme hindurch beizubehalten. Und die wird es geben, so viel ist mal sicher. Kooperationspartner werden sich verabschieden, Gegner werden die Freundschaft anbieten, Familienmitglieder drohen mit Auszug.

Wozu dann das alles?

Weil die klare Bekenntnis zur authentischen, eigenen Identität unwiderstehlich ist. Weil sie eine unglaubliche Anziehungskraft entfaltet. Weil sie die eigenen Kräfte zu hundert Prozent bündelt und ausrichtet. Weil das Leben und Arbeiten auf diese Art und Weise nicht länger ein Kraftakt ist, sondern die eigene Kraft entfaltet.

Das ist nicht immer erfreulich. Aber immer das Richtige.